Hormontherapie

bei vorzeitiger Ovarialinsuffizienz und früher Menopause

Therapie
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Hintergrund

Wenn die Eierstöcke schon vor dem 40. Lebensjahr ihre Funktion einstellen, spricht man von vorzeitiger Ovarialinsuffizienz (POI); tritt die Menopause zwischen 40 und 44 Jahren ein, spricht man von früher Menopause (EM). Weltweit sind schätzungsweise 87 Millionen Frauen betroffen. Beide Zustände bedeuten, dass der Körper viele Jahre länger als üblich ohne die schützende Wirkung des Hormons Östrogen auskommen muss. Das erhöht nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose, kognitive Einschränkungen und psychische Belastungen – und verkürzt nicht nur die Lebenserwartung, sondern vor allem die Zeit in guter Gesundheit (die „Healthspan“). Trotzdem wird POI/EM oft spät erkannt und die Hormontherapie (HT) häufig zu zurückhaltend oder zu niedrig dosiert eingesetzt, weil man sich an Richtlinien für Frauen mit normal zeitiger Menopause orientiert.

Fragestellung

Ein internationales Gremium der Weltgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) und der International Menopause Society (IMS) stellt die Frage, ob POI und EM weiterhin wie „vorgezogene“ Varianten der normalen Menopause behandelt werden sollten, oder ob sie als eigenständige, chronische hormonelle Erkrankungen mit eigenem Behandlungskonzept verstanden werden müssen. Im Zentrum steht, wie Hormontherapie idealerweise eingesetzt werden sollte – Zeitpunkt des Beginns, Dosierung und Dauer –, um langfristige gesundheitliche Schäden zu verhindern.

Methode

Es handelt sich nicht um eine neue Studie, sondern um ein Positionspapier: Ein Expertengremium hat die vorhandene wissenschaftliche Literatur – darunter große Bevölkerungsstudien, Kohortenstudien und aktuelle internationale Leitlinien – gesichtet und zu klaren Handlungsempfehlungen verdichtet. Da es aus ethischen und praktischen Gründen kaum randomisierte, placebokontrollierte Studien zu diesem Thema gibt, stützen sich die Aussagen vor allem auf Beobachtungsstudien sowie auf die klinische Erfahrung der beteiligten Fachleute.

Ergebnisse

Die Auswertung zeigt deutlich: Frauen mit unbehandelter POI/EM haben ein spürbar höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose und einen beschleunigten biologischen Alterungsprozess. Wird hingegen frühzeitig eine ausreichend hoch dosierte Hormontherapie begonnen – meist mit höheren Östrogendosen als in der „klassischen“ Wechseljahrestherapie – lassen sich viele dieser Risiken deutlich abschwächen. So sank in einer amerikanischen Studie das erhöhte Sterberisiko nach operativ bedingtem, frühzeitigem Verlust der Eierstockfunktion durch eine konsequente Hormontherapie fast auf das Niveau von Frauen ohne diesen Eingriff; auch die Knochendichte profitiert nachweislich. Die Empfehlung lautet daher, HT nicht pauschal nur bis zum durchschnittlichen Menopausenalter (etwa 50–51 Jahre) fortzuführen, sondern individuell zu entscheiden – vergleichbar mit einer Insulingabe bei Diabetes. Ist eine systemische Hormontherapie nicht möglich, etwa bei bestimmten Krebserkrankungen, empfiehlt das Papier Lebensstilmaßnahmen, Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren, Knochenschutz sowie nicht-hormonelle Mittel gegen Hitzewallungen und Scheidentrockenheit.

Limitationen

Es fehlen bislang große, randomisierte Langzeitstudien, die den Nutzen einer Hormontherapie über das übliche Menopausenalter hinaus direkt belegen – die Datenlage stützt sich überwiegend auf Beobachtungsstudien, die Zusammenhänge, aber keine endgültigen Kausalitätsbeweise liefern. Viele Ergebnisse stammen zudem aus kleinen oder speziellen Untergruppen (etwa Frauen mit Turner-Syndrom) und lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Die optimale Dosis und Dauer nach dem 50. Lebensjahr ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Da es sich um ein Positionspapier ohne vorab festgelegtes Studienprotokoll handelt, spiegeln die Empfehlungen auch die fachliche Einschätzung der Autorinnen und Autoren wider.

Fazit

POI und frühe Menopause sind mehr als ein vorgezogenes Ende der fruchtbaren Jahre – sie sind ernstzunehmende hormonelle Erkrankungen mit weitreichenden Folgen für Herz, Knochen und Gehirn. Eine frühzeitig begonnene, ausreichend dosierte und individuell angepasste Hormontherapie gilt als zentraler Baustein, um Betroffene vor langfristigen Schäden zu schützen und ihnen mehr gesunde Lebensjahre zu ermöglichen. FIGO und IMS rufen dazu auf, Aufklärung, Früherkennung und den gezielten Einsatz der Hormontherapie deutlich zu stärken.
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Quelle:
Benedetto C, Khadilkar SS, Nappi RE, et al. Hormone therapy (HT) in women with premature ovarian insufficiency or early menopause: a new paradigm for healthy aging. A joint FIGO and IMS position paper. Climacteric. 2026;29(4):487–506.

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