Positiv älter werden:

Warum Altern nicht immer Abbau bedeutet

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Altern wird häufig mit einem unvermeidlichen Verlust an körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Die Vorstellung, dass Gedächtnis, Beweglichkeit und Selbstständigkeit zwangsläufig abnehmen, ist sowohl in der Bevölkerung als auch im Gesundheitswesen weit verbreitet. Wissenschaftliche Untersuchungen betrachten deshalb meist, wie schnell sich bestimmte Fähigkeiten verschlechtern. Verbesserungen im höheren Lebensalter werden dagegen oft als seltene Ausnahme behandelt. Eine aktuelle Studie aus den USA stellt dieses Bild infrage: Sie zeigt, dass sich ein überraschend grosser Anteil älterer Menschen über mehrere Jahre hinweg körperlich oder geistig verbessern kann. Zudem scheinen die eigenen Vorstellungen vom Älterwerden dabei eine Rolle zu spielen.
Hintergrund und Fragestellung: Die Forschenden wollten zunächst wissen, wie viele ältere Menschen im Laufe der Zeit tatsächlich eine Verbesserung ihrer körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit zeigen. Darüber hinaus untersuchten sie, ob positive Einstellungen zum eigenen Älterwerden mit einer solchen Verbesserung zusammenhängen. Dahinter steht die Annahme, dass gesellschaftliche Altersbilder bereits früh im Leben aufgenommen werden. Sobald man selbst älter wird, können diese Vorstellungen auf die eigene Person übertragen werden und möglicherweise das Verhalten, die Motivation und langfristig sogar die Gesundheit beeinflussen.

Methode:

Grundlage der Untersuchung waren Daten der grossen amerikanischen „Health and Retirement Study“, die eine repräsentative Gruppe von Menschen über viele Jahre begleitet. Für die Analyse der geistigen Leistungsfähigkeit standen Daten von 11’314 Personen zur Verfügung; für die Untersuchung der körperlichen Leistungsfähigkeit wurden 4’638 mindestens 65-jährige Personen berücksichtigt. Die durchschnittliche Beobachtungszeit betrug rund acht Jahre, einzelne Teilnehmende wurden bis zu zwölf Jahre begleitet.
Die geistige Leistungsfähigkeit wurde mithilfe eines telefonischen Tests untersucht. Dieser erfasste unter anderem das Kurzzeitgedächtnis, den verzögerten Abruf von Wörtern und einfache Rechenfähigkeiten. Als Mass für die körperliche Leistungsfähigkeit diente die Gehgeschwindigkeit über eine Strecke von 2,5 Metern. Die Einstellung zum Älterwerden wurde anhand von Aussagen wie „Je älter ich werde, desto nutzloser fühle ich mich“ oder „Ich bin heute genauso glücklich wie in jüngeren Jahren“ erfasst.
Anschliessend verglichen die Forschenden die Ergebnisse zu Beginn der Studie mit der jeweils letzten verfügbaren Messung. Zusätzlich berücksichtigten sie zahlreiche Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen könnten, darunter Alter, Geschlecht, Bildungsstand, depressive Symptome, Schlafprobleme, soziale Isolation sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes.

Ergebnisse:

Insgesamt verbesserten sich 45 % der mindestens 65-jährigen Teilnehmenden in mindestens einem der beiden untersuchten Bereiche. 32 % erzielten bei der geistigen Leistungsfähigkeit bessere Ergebnisse als zu Beginn der Studie, und bei 28 % nahm die Gehgeschwindigkeit zu. Zählte man auch jene Personen hinzu, deren Leistungsfähigkeit stabil blieb, zeigten rund 51 % keinen Rückgang ihrer geistigen Leistung. Bei der Gehgeschwindigkeit waren es knapp 38 %.
Die Ergebnisse blieben auch dann bestehen, wenn strengere Kriterien für eine relevante Verbesserung angelegt wurden. Danach verbesserten sich noch immer 22,5 % deutlich bei der geistigen Leistungsfähigkeit und 26 % bei der Gehgeschwindigkeit. Bemerkenswert ist ausserdem, dass Verbesserungen nicht nur bei Menschen mit anfänglich eingeschränkter Funktion auftraten. Auch Teilnehmende, die zu Beginn bereits normale Werte aufwiesen, konnten sich weiter verbessern.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis betraf die persönlichen Altersbilder: Menschen mit einer positiveren Einstellung zum Älterwerden hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihre geistige und körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forschenden andere mögliche Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt hatten.
Interessant ist zudem, wie stark die Art der Auswertung das Bild vom Altern beeinflusst. Betrachtete man lediglich die Durchschnittswerte aller Teilnehmenden, zeigte sich erwartungsgemäss ein Rückgang der geistigen Leistung und der Gehgeschwindigkeit. Erst die individuelle Betrachtung machte sichtbar, dass sich innerhalb dieser Gesamtgruppe viele Menschen verbessert hatten. Durchschnittswerte können somit wichtige Unterschiede zwischen einzelnen Personen verdecken.

Limitationen:

Trotz der ermutigenden Ergebnisse beweist die Studie nicht, dass positive Gedanken allein zu einer besseren Gesundheit führen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die lediglich einen Zusammenhang aufzeigen kann. Menschen mit einer besseren Gesundheit oder einem gesundheitsbewussteren Lebensstil könnten beispielsweise von vornherein positiver über das Älterwerden denken. Auch körperliche Aktivität, Ernährung, soziale Beziehungen oder die Nutzung medizinischer Angebote könnten eine Rolle spielen und wurden nicht vollständig erfasst.
Zudem wurden die geistige und körperliche Gesundheit jeweils nur mit einem übergeordneten Test beurteilt. Andere Fähigkeiten wie räumliches Gedächtnis, Muskelkraft, Ausdauer oder Gleichgewicht blieben unberücksichtigt. Eine Verbesserung wurde hauptsächlich anhand des Unterschieds zwischen der ersten und der letzten Messung bestimmt; mögliche Schwankungen und Verläufe dazwischen wurden dadurch nur begrenzt abgebildet. Da die Untersuchung in den USA durchgeführt wurde und einige ethnische Bevölkerungsgruppen nur in geringer Zahl vertreten waren, lassen sich die Ergebnisse ausserdem nicht ohne Weiteres auf alle Länder und Bevölkerungsgruppen übertragen.

Fazit:

Altern bedeutet nicht automatisch und nicht für alle Menschen einen kontinuierlichen körperlichen und geistigen Abbau. Viele ältere Menschen können ihre Leistungsfähigkeit stabil halten oder sogar verbessern. Positive Altersbilder sind dabei kein Wundermittel, könnten aber Motivation, Selbstvertrauen und gesundheitsförderliches Verhalten unterstützen. Die wichtigste Botschaft der Studie lautet deshalb: Auch im höheren Lebensalter gibt es Entwicklungsmöglichkeiten. Unsere Erwartungen an das Älterwerden sollten diese Möglichkeit einschliessen – in der Gesellschaft, im Gesundheitswesen und nicht zuletzt bei uns selbst.
Quelle: Levy BR, Slade MD. Aging Redefined: Cognitive and Physical Improvement with Positive Age Beliefs. Geriatrics. 2026;11:28. Originalstudie

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